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182 006-7 / Werder ( Havel ) / 2016-06-18 /
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Brot, Wohlstand und Schönheit – H&U-Collage #10
Beschreibung: Oder: Die Post-Apokalypse.

Köln-Kalk hat es noch nie leicht gehabt. Seit jeher wurde die Innenstadt von der Chemischen Fabrik Kalk (CFK) auf der anderen Straßenseite zugequalmt. Von 1876 bis 1951 sollen die einzigen Bewohner Helmut und Loki Schmidt gewesen sein. Im zweiten Weltkrieg gab die CFK auch ein prima Übungsziel ab, das jedoch manchmal auch knapp verfehlt wurde. Nicht weit davon stand und steht bis heute die Brauerei Sünner im Originalbau aus dem 19. Jahrhundert, die ihr Bestes tat aus der CFK-Ausschussware ihr Bier herzustellen. Um Kalk herum wuchsen die Industriehalden in alpine Höhen, in den Straßen ging es laut, lebhaft und mitunter ziemlich rabiat zu. Dann kam die Nachkriegszeit und die Globalisierung, und damit das Ende des Chemiewerks. Sünner wäre ihr ohne Rohstoffe um ein Haar ins Nirvana gefolgt, es gelang ihnen dann aber doch noch, den Braubetrieb auf herkömmliche Zutaten umzustellen.
Alles Übel dieser Welt kommt aus Kalk und Ehrenfeld sagt man in Köln, und fürwahr: Die meisten Kalker dürften gegen Ende der 90er geglaubt haben sie hätten alles Übel dieser Welt gesehen – dann kam Hausmeister Krause. Und was noch viel schlimmer war, er brachte seine Kinder mit. Wie viele andere ehemalige Industriestädte und damit ein Großteil des Rechtsrheinischen gilt Kalk heute als benachteiligt, der Ruf als sozialer Brennpunkt will einfach nicht verschwinden. Die Hauptstraße mit Rathaus, Kapelle und Post mag noch ganz gut davon gekommen sein, in den Seitenstraßen merkt man dann aber doch dass die Chemie hier nicht stimmt. Läden stehen leer, ganze Häuser mitunter, Zustände die man eigentlich nicht erwartet wenn man an Köln denkt. Von der Stadt wird das Viertel stiefmütterlich behandelt, private Investoren machen sich dafür mehr und mehr über den Bestand an teilweise beachtlichen Gründerzeithäusern her und treiben die Mieten in die Höhe. Für alteingesessene bleibt oft nur der Wegzug in umliegende nochmals stärker benachteiligte Stadtteile. Von den Hauswänden mit Sprüchen wie „Wir bleiben alle wo wir wollen“, „Kalkpost bleibt dreckig!“, „Sag' Nein!“ lässt sich ablesen dass nicht jeder diesem Prozess unkritisch gegenübersteht. Die Reputation des Stadtteils ist es jedoch auch, die den Wandel zum (für die meisten Bewohner) Schlechten bisher bremst.

Für den Einzelhandel vor Ort erwies sich derweil weniger der Strukturwandel selbst als schädigend, als die Eröffnung des Einkaufszentrums „KölnArcaden“ auf dem Gelände der Chemischen Fabrik. Ein-Euro-Läden und Frittenbuden kann man an der Hauptstraße sicherlich noch eröffnen, alles was darüber hinausgeht sollte man sich jedoch gut überlegen. Selbst die Kaufhof-Filiale schloß wenige Jahre nach Öffnung der Arcaden, ihre Fensterfront wird derzeit als Bildergalerie verwendet. Die Zukunft des ansonsten ungenutzten, denkmalgeschützten Betonbaus aus den 50ern ist ungewiss. Ihr Ziel, Kalk von der Last eines großen brachliegenden Areals zu befreien haben die Arcaden damit verfehlt; sie haben es bloß auf die andere Straßenseite verlegt.

An und für sich ist die Kalker Innenstadt dabei hervorragend angebunden. Bahnhof Deutz, Heumarkt, Neumarkt, Universität, Fachhochschule und Naherholungsgebiete Richtung Osten sind ohne Umstieg erreichbar. Der S-Bahnhof Trimbornstraße liegt fußläufig, hier besteht direkter Anschluss an Hauptbahnhof und Flughafen mit zugehörigem Businesspark. Die guten Verbindungen werden von den Einwohnern zwar geschätzt, sie sind aber auch ein Faktor die zur fortschreitenden Gentrifizierung beitragen. Letztlich ist genau das der Unterschied zwischen Kalk und Wohnlagen wie Vingst, Ostheim und allem was zumindest entfernt mit Porz zu tun hat.

Aus Bahn-technischer Sicht ist erwähnenswert, dass die Strecke entlang der Kalker Hauptstraße die erste Straßenbahn auf dem Gebiet des heutigen Kölns war. Sie wurde 1877 als Pferdebahn eröffnet und führte von Deutz nach Kalk, das damals noch eigenständig war und erst 1910 nach Köln eingemeindet wurde. Auch daran lässt sich ablesen dass Kalk damals etwas völlig anderes war als heute. Ich nenne es das Linie-1-Phänomen: Neben Industrie die für starkes Personenverkehrsaufkommen sorgte waren es die reichen Viertel die damals vorrangig an das Nahverkehrsnetz angeschlossen wurden – insofern es keine grundlegende Reform der Liniennummern gab fährt in vielen Städten auch heute noch die Linie 1 dort hin. In Kalk und den gehobenen Wohnlagen im Kölner Westen passt es trotz etlicher Nummernumstellungen. Um 1905 wurde die Kalker Strecke elektrifiziert und in den 1980ern schrittweise durch die (von Anfang an elektrisch betriebene) Tunnelstrecke ersetzt. Die Station Kalk Post ist dabei ein Frustfaktor. Sanierungsbedürftig, seit jeher ohne Aufzug und seit über einem Jahr ohne eine einzige funktionierende Rolltreppe, sodass die schönen Niederflurwagen die den Einstieg erleichtern sollen hier de facto nutzlos sind. Zu kurz sind sie auch, das Fahrgastaufkommen im Kalker Tunnel ist mit eines der höchsten im Kölner Stadtbahnnetz. Gerade im Berufsverkehr wird die Kapazität trotz Zusatzzüge auf der Linie 1 voll ausgenutzt.
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Datum: 09.06.2014 14:50
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Hinzugefügt von: Darth Sauron
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Seemannsgarn am Rathausplatz - H&U-Collage #9