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Home → [09] Verschiedenes → Haltestellencollagen → Seemannsgarn am Rathausplatz - H&U-Collage #9


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Brot, Wohlstand und Schönheit – H&U-Collage #10  
Seemannsgarn am Rathausplatz - H&U-Collage #9
Beschreibung: Was ist eigentlich Wesseling, wie stellt man es her und was macht man damit? Man könnte es ganz einfach so erklären dass die Stadt "BM" auf ihre Nummernschilder schreibt. Jeder Rheinländer weiß natürlich dass BM für "Bereifte Mörder" steht wenn es um Fahrkünste geht und für "Besser Meiden" in Bezug auf die damit gebrandmarkten Ortschaften als solche. Eingekeilt zwischen dem wilden Norden von Wesseling im Norden und dem wilden Norden von Bonn im Süden, auf drei Seiten umgeben von Gewerbe und Raffinerien und dem Rhein auf der vierten Seite. Eigentlich wäre damit auch alles wesentliche gesagt, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Zunächst mal die wichtigste Frage von allen: Wie kommt man hier weg?

Sollten Sie einmal falsch abbiegen oder in den verkehrten Zug einsteigen ist das Problem schnell gelöst, fahren Sie einfach wieder zurück. Aber, was auch nachweislich passieren kann: Sie werden morgens wach, ziehen das klapperige Holzrollo ihres schäbigen Hotelzimmers hoch und beim Blick auf das was man hier eine Straße nennt merken sie: "Ach du Moppelkotze, das is' ja... hier is ja... hier simmer ja in... Wesseling!" dann haben Sie ein Problem. In so einem Fall gilt dennoch zunächst die Devise "Ruhe bewahren!" Schon zu Weimarer Zeiten hat die Regierung um den Ernst genau dieser Situation gewusst. Dass die allererste Autobahn reichsweit ausgerechnet von Köln nach Bonn verlief und Wesseling die einzige Auffahrt dazwischen war war alles andere als ein Zufall. Diejenigen, die sich heute noch immer nicht im Besitz eines Automobils befinden, bieten die Stadtwerke Bonn in notgedrungener Kooperation mit den Kölner Verkehrsbetrieben drei Haltestellen auf der Linie 16 an, um den Ort zu verlassen. Während es technisch auch möglich ist, hier aus dem Zug auszusteigen, stehen an einigen Straßen Hinweise die von der Einfahrt nach Wesseling nicht nur abraten, sondern sie klar und deutlich verbieten.

Wer indessen von Köln oder Bonn aus die Linie 16 nimmt, wird früher oder später merken dass die Landschaft draußen von immer mehr "nichts" eingenommen wird. Das kann nur eins bedeuten: Hier ist bald Endstation, und wenn nicht das, dann ist was auch immer hier draußen versteckt gehalten wird entweder sehr wertvoll oder extrem gefährlich. Dann ertönt die Ansage der nächsten Haltestelle und man weiß welche der beiden Optionen zutrifft.

Schlußendlich gibt es auch den Rhein als Notausgang aus der Stadt. Die Schiffe der KD machen hier zwar – nur auf Anforderung – kurz fest, aber sie lassen sich das sehr teuer bezahlen. Streng genommen existiert auch noch die Fähre hinüber nach Niederkassel-Lülsdorf, aber dort hat man zum einen auch nicht viel gewonnen, und zum anderen gibt es ein Problem dabei. Sie wird von der Lülsdorfer Seite aus betrieben, und als Bemessungsgrundlage für die Fahrgastkapazität nahm man die Passagiere von hier nach Wesseling, nicht umgekehrt. Rechnen sie also damit dass es eng wird auf dem Bötchen, oder schwimmen Sie einfach.

Theorien wie die Stadt entstanden sein könnte gibt es viele. Musterstadt des Bornheimer Architekturfreundeclubs "Pro Platte 1964 grün-grau e.V."; Konzentrationslager für Düsseldorfer und Bergheimer, die in Köln oder Bonn ohne gültiges Visum aufgefallen sind; Pilotprojekt zur Errichtung eines Gewalt-Erlebnisparks der anarchistischen Partei. Als wissenschaftlicher Mainstream gilt zur Zeit jedoch dies: Ursprünglich befand sich an dieser Stelle die Quelle des Rheins. Er floss von hier in beide Richtungen: Wie heute auch noch in die Nordsee, und in die andere Richtung bergauf nach Süden bis ihm die Alpen im Weg standen, dort staute er sich zum Bodensee auf. Das ging damals noch, die Erdschwerkraft war noch eine ganz andere, sehr unausgewogen. Das genau zu erklären würde hier den Rahmen sprengen. Nur soviel, im Norden war sie so stark dass zum Decken der Dächer nur Stroh in Frage kam, mehr hätten die Mauern nicht ausgehalten. Auch das dortige tiefliegende, völlig bergfreie Land hat hierin seine Begründung.

Aber zurück nach Wesseling. Damit der Fluss hier nicht austrocknete, musste das Wasser mit großem technischem Aufwand aus dem Bodensee hierhin zurück gepumpt werden. Der Name Wesseling (bis ca. 1650 Veteling) kommt von lat. vita, "das Leben". Der Fluss musste hier "wiederbelebt" werden. Auf die gleiche Weise entstanden flussnordwärts auch die Orte Wiesdorf, Wittlaer und Wesel. In Weeze versuchte man dasselbe, der Wasserwender war immerhin ein hochangesehener und gutbezahlter Berufsstand. Man bemerkte dabei jedoch zu spät dass dort gar kein wendbarer Strom vorhanden war. Der Versuch den Holländern deshalb die Maas durch Umleitung zu stehlen hätte um ein Haar zum Krieg geführt.

Das Personal das die Pumpen in Wesseling bediente, bildete schließlich die Grundlage dass auch andere Menschen hier herzogen um sie zu versorgen – Bauern und, Bäcker, Schuster und Schreiner, Pfarrer und Lehrer, alles mögliche. So entstand über die Jahre ein Städtchen hier, es ließ sich einfach nicht vermeiden.

Mit der Industrialisierung nahm auch die Schiffahrt auf dem Rhein an Masse zu. Die Stromkehre in Wesseling war dabei seit jeher ein Hindernis – schon für die Segelschiffe alter Zeiten. Im frühen Mittelalter gehörten sie zu den größten Nicht-militärischen Bauwerken die es gab. Sie waren für die frühen Ketten- und Raddampfer kaum weniger ein Störfaktor.

Zum Sinnbild und Klischee wie der Stahlkocher im Ruhrgebiet und der Senner in Tirol wurde für Wesseling daher ein ganz anderer, verglichen zum Wasserwender weit weniger sagenumwobener Beruf – der Treidler. Ihm ist das Denkmal auf dem Rathausplatz gewidmet und es illustriert auch wie Wesseling in der frühen Altdampfzeit erst richtig zu wachsen begann. In Köln mit seinem Stapelrecht war man „schwer am sicke“ wegen des Unfallschwerpunkts bei St. Goar, der ihm seit jeher die Einnahmen verhagelte. So sandte man um das Jahr 1800 herum eine Delegation aus um der Loreleyfee auf dem Berg einen Vertrag aufzuschwatzen, demzufolge sie für zukünftige Schäden aufzukommen hätte. Sie musste aus Geldmangel ablehnen und wurde unmittelbar vom mit gesandten Musketier erschossen – es waren eben raue Zeiten.

Aber die Rheinschiffahrt hatte nunmehr ein großes Problem weniger. Die Schiffe wurden mehr und größer, und Treideln war ein Knochenjob. Und wenn so ein Kahn dann einmal hier hergeschleppt und an der Leinenwechselstation an der Stromkehre angelangt war, waren die Treidler dementsprechend entkräftet. Sie erkannten natürlich wo sie hier waren und das man hier besser nicht sein sollte – Wesseling war auch damals schon Wesseling. Aber erschöpft wie sie waren konnten sie einfach keine Kraft mehr aufwenden wieder wegzugehen und eine Abreise per Schiff war unerschwinglich; Autobahn und Linie 16 gab es noch nicht. So blieben sie also einfach dort.

Das Ende der Rheintreidlerei kam schließlich mit leistungsstärkeren Dampf- und später vor allem Dieselschiffen. Nicht wenige Treidler fingen in Folge dessen in einer der ortsansässigen Raffinerien an. Die Wasserwender waren zu dieser Zeit schon lange Geschichte. Spätestens mit der Begradigung des Flusses war ihr Berufsbild ausgestorben. Verbunden mit der Eröhung der Fließgeschwindigkeit war es nun zum ersten mal möglich den Rhein in einer einzigen Etappe von den Alpen zum Meer fließen zu lassen.

Im Wesselinger Stadtbild lebt ihre Zeit jedoch bis heute fort. Zahlreiche Umlenkgestänge und -rohrsysteme werden noch heute zu anderen, vornehmlich petrochemischen Zwecken verwendet, angeblich sind auch die ältesten Tanks der Raffinerie noch die selben in denen damals das Pumpwasser zwischengelagert wurde. Und nicht zuletzt wird das Rheinufer bis heute stellenweise von Gulli-artigen Gebilden mit Kontrollplattformen oder -häuschen gesäumt, durch die das Wasser zurück in den Fluss in die gewünschte Richtung geleitet wurde.

Als Randnotiz der Geschichte setzte sich in Köln damals eine Welle der Empörung und Bestürzung über den Tod der Loreleyfee in Bewegung. "Oh nää, dat ärm Ding, dat wor doch su e lecker Mädcher!"
Man gedenkt ihr in der Domstadt bis heute im Karneval. Sie wird dort - im Geiste sowohl des Stunks und des Prunks selbst eine Musketiersuniform tragend - durch das Funkemariechen verkörpert.

Eine Andere Legende besagt, der Name Wesseling wäre abgeleitet vom Treidler-Kommando „Wäßel de Ling!“ - „Wechselt die Leine!“ zu deutsch. Aber das ist mindestens genau so ein Unfug wie das da oben. Jedenfalls, man erkennt gleich: Wesseling ist immer wieder einer Reise wert, - ein Ort wo Geschichte genau so lebendig ist wie das Seemannsgarn der alten Wasserwender ;-)
Bildtyp/-art:
Schlüsselwörter: Wesseling Collage Moppelkotze
Datum: 23.04.2014 00:19
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Hinzugefügt von: Darth Sauron
Kommentare
Zeus18
Member

Registriert seit: 13.07.2013
Kommentare: 82
Klasse, einfach schön.
23.04.2014 05:59 OfflineZeus18
brot
Member

Registriert seit: 04.07.2005
Kommentare: 1228
Der Text ist genial, die perfekte Satire. Hab mich beim lesen köstlich amüsiert.
25.04.2014 06:01 Offlinebrotstevengoodman at gmx.dehttp://www.youtube.com/user/JamesChakotay208309576
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Rechts bleibt links. – H&U-Collage #8