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Home → [09] Verschiedenes → Haltestellencollagen → Tango Corrupti mit Abrissbirne – H&U-Collage #7


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Rechts bleibt links. – H&U-Collage #8  
Tango Corrupti mit Abrissbirne – H&U-Collage #7
Beschreibung: Was es mit diesem Ort so auf sich hat, lässt sich leider nicht in zwei, drei Absätzen erklären. Ich finde aber es ist es wert, gesagt zu werden.

"Ein Ort, wo niemand hin will" nannte es der Deutschlandfunk, den "Inbegriff eines benachteiligten Stadtteils" die Homepage der Stadt Duisburg. Schandfleck, Ghetto, Slum hört man öfters als Beschreibung. Heute mag Bruckhausen sowas in der Art auch tatsächlich sein. Dass es dazu allerdings systematisch, zumindest über die letzten gut zehn Jahre hinweg, gemacht wurde, wird selten in der Presse erwähnt.

Um 1900 herum war Bruckhausen – damals noch Hamborn-Bruckhausen – das, was man heute eine Boomtown nennen würde. Während der Industrialisierung wuchs der Stadtteil so schnell, dass die Stadt nicht einmal die Zeit hatte, eine Kirche oder eine Schule zu errichten, selbst für die Feuerwehr war kein Platz. Das steht daher heute alles Tür an Tür am hinteren Rand des Viertels. Neben Arbeiterhäusern mit prächtigen Stuckfassaden schossen prunkvolle Hotels, Einkaufsstraßen, Cafés und Edelboutiquen aus dem Boden. Nachts wehte ein Hauch von Broadway und Las Vegas durch die Gassen, der Ort war Knotenpunkt mehrerer Straßenbahnlinien. Nährboden für das alles war das Stammwerk des Thyssen-Konzerns gleich im Ort. Selbst dessen Vorstände waren sich nicht zu schade, ihre Villen in Bruckhausen zu errichten. Gerade uns Hobbybahnern sollte Bruckhausen eigentlich von Natur aus ein Begriff sein, ist es doch der einzige Ort in Deutschland an dem Eisenbahnschienen hergestellt werden. Etwa ab den 1960ern wandelte sich das Viertel jedoch zusehends. Es erlebte einen immensen Zuzug ausländischer Arbeiter, der jedoch überall außer vor Ort als Problem gesehen wurde. Es war der erste deutsche Stadtteil in dem der Ausländeranteil die 50%-Marke knackte. Den imagemäßigen Tiefpunkt erreichte es wohl nach der Veröffentlichung von Günter Wallraffs Buch „ganz unten“ in dem er sich als Gastarbeiter Ali in den Thyssen-Konzern schmuggelte und nebenan im Ort wohnte. Er und Kommissar Schimanski waren es vor allem, die Bruckhausen und ganz Dusiburg, man kann fast sagen deutschlandweit, als Orte dastehen ließ von denen man sich besser fern hält.

In den Jahren nach der Jahrtausendwende begann nun das nächste Kapitel der Geschichte Bruckhausens. Es ist wahrscheinlich das Letzte.

Es begann alles damit, dass entlang der Kaiser-Wilhelm-Straße, die den Stadtteil im Westen begrenzt und auf der auch die Linie 901 den Stadtteil passiert, ein Grüngürtel angelegt werden sollte. Auf brachliegenden Teilen des ThyssenKrupp Steel (TKS)-Werkes, das gleich gegenüber der Wohnhäuser liegt. Ein vernünftiger Plan, der dem sicherlich von der Industrie beeinträchtigten Viertel einen Puffer, etwas mehr (und bessere) Luft zum Atmen verschaffen sollte. Dann kam alles plötzlich ganz anders. Die TKS tätigte eine Überweisung über einen zweistelligen Millionenbetrag zu Gunsten eines Kontos der Stadt Duisburg, die kurze Zeit später den Beschluss fasste, einen Großteil des Stadtteils dem Erdboden gleich zu machen und das „Landschaftsbauwerk“, so einer der offiziellen Begriffe, zu errichten wo einst Häuser, Geschäfte, Straßen und Gärten lagen.

Bald wurde eine sogenannte Veränderungssperre verhängt. Die besagt, dass es Hausbesitzern ab sofort verboten ist, ihre Immobilien zu renovieren, neu geschlossene Mietverträge bedürfen der Genehmigung der Stadt. Dazu muss man wissen, dass TKS die Kokerei Bruckhausen vor einigen Jahren stillgelegt hat und daher ein guter Zeitpunkt war, endlich ein paar Fassaden zu renovieren, was viele Hausbesitzer auch taten. Mietern aus dem „Sanierungsgebiet“ wurde unterdessen eine Wegzugsprämie angeboten, wenn sie den Stadtteil verlassen. So wurden die Modernisierungsarbeiten halbfertig eingestellt und die Vermieter saßen auf den Krediten die sie dafür aufgenommen hatten. So breiteten sich Leerstand, Verfall und Verwahrlosung aus in dem Stadtteil, der bis dato einer der jüngsten und kinderreichsten war, während Duisburg als ganzes schon lange im Niedergang begriffen war.

Das wahre Gesicht der Sanierung lernten jedoch erst die Anwohner kennen, die sich weigerten zu gehen. Ziegelsteine, die nachts durch Fenster fliegen und wortwörtlich um ein Haar die Bewohner verfehlen, geflissentliches Wegsehen bei Gasalarm, Abriss von Gebäuden ohne nennenswerte Absicherung der Baustellen. Kameras, die angeblich das Baumaterial bewachen sollen, tatsächlich jedoch in die Schlafzimmerfenster der Nachbarn filmen. Baggerfahrer, die „versehentlich“ anfangen Gebäude abzureißen, in denen sich Menschen befinden. Hat man alles vorher schon gesehen – in Mafiafilmen. Just in den letzten Wochen hat man offenbar die Brandstiftung als probates Mittel der Absiedlung erkannt.

Es mag ein paar Gründe geben, Bruckhausen plattzumachen. Die offiziellen Argumente werde ich hier mal weglassen, dafür gibt es die Presse. Allein die Korruption die hier im Spiel ist, ist allerdings ein unschlagbarer Grund, damit auf der Stelle aufzuhören. Rassismus wirtschaftlicher und ethnischer Natur sind wohl weitere Beweggründe hinter dem Vorgehen von Stadt und TKS. Edelstahlkomplott in den 70er, Liftkartell, Schienenkartell, Preisabsprachen bei Autoblech. Wer so dumm ist, irgendetwas bei Thyssen zu kaufen, geht einer Räuberbande auf den Leim.

Abschließend kann man von daher sagen: Die Zeitungen haben Recht. Es ist ein Schandfleck. Die Gründe dafür liegen jedoch westlich der Hauptstraße, und nicht da wo Artikelschreiber sie sehen. Der DLF hat auch Recht. Es ist ein Ort wo niemand hin will. Genau so richtig ist jedoch, dass es ein Ort ist, wo niemand weg wollte.
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Datum: 17.06.2013 20:16
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Hinzugefügt von: Darth Sauron
Kommentare
B100S_2120
Member

Registriert seit: 18.06.2009
Kommentare: 2427
Deine Ausführungen über/gegen Thyssen und die Stadt Duisburg lassen mich immer an dieses Lied denken: https://www.youtube.com/watch?v=BdNfFq3tQ4k
06.11.2014 19:09 OfflineB100S_2120janscholtyssek at live.de
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Ein Bahnhof für nichts und niemand? - H&U-Collage #6